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Predigt Petrus-Kirche Kiel am 25.10.2009

Bischof em. Prof. Dr. Ulrich Wilckens

Psalm 26,8: „Herr, ich habe lieb die Stätte Deines Hauses und den Ort, da Deine Herrlichkeit wohnt!“ Liebe Gemeinde – und besonders liebe Mitglieder des Fördervereins dieser Petruskirche!

Wozu sind eigentlich Kirchen da, wozu dient die Kunst der Architekten und der Künstler, die sie entwerfen und ausstatten, damit sie schön und das Weichbild der Stadt bestimmen wie diese Petruskirche? Die Antwort weiß jeder von uns: Für die Gottesdienste sind sie da, die darin gefeiert werden.

Gottes Wort soll in den Kirchen verkündigt und gehört werden. Die Sakramente haben hier ihren Ort, sowohl die Taufe, durch die man Mitglied der Kirche wird – lebenslang! – wie auch das Heilige Abendmahl, in dem wir am Geheimnis der leibhaften Gegenwart Christi immer wieder teilhaben. Und kräftig gesungen und musiziert soll hier werden zu Gottes Lob und Preis. Was immer sonst noch geschieht als Beiträge zum kulturellen Leben dieser Stadt, das erfährt seine Prägung und erweckt seinen Eindruck von daher, dass es eine Kirche ist – zumal diese Petruskirche in ihrer eigenartigen Schönheit - , in der dies alles stattfindet. Dadurch klingt es eben alles anders als in Konzert- und Vortragssälen oder in Museen – das empfinden auch Menschen, die mit dem Gottesdienst selbst nicht so vertraut sind.

Sowie wir die Frage nun jedoch umgekehrt stellen – wozu brauche ich die Gottesdienste, die hier und in den anderen Kirchen der Stadt gehalten werden? – dann ist die Antwort für manche nicht ebenso leicht und selbstverständlich zu geben. Wenn man so den Ablauf seiner Woche in den Blick fasst, dann werden wohl viele sagen: „Das Wochenende ist es, auf das zu ich lebe und worauf ich mich während der Arbeit der Woche freue, - nicht der Sonntag als den ersten Tag der Woche! Denn was geschieht denn da nicht alles im Leben einer Stadt von der Freitag-Nacht bis zum Sonntag abend! Unter all den Events, die man in einer Großstadt erleben kann und erleben möchte, was bedeutet da der Gottesdienst am Sonntag morgen? Klar – die große Mehrheit fühlt sich bei dieser Frage persönlich überhaupt nicht betroffen: Für sie gehören Gottesdienste überhaupt nicht zu ihrem Wochenende. Aber auch für manche Christen ist die Antwort auf diese Frage eher heikel als klar: Ist Gottesdienst für mich wirklich wichtig? Ist da etwas Wichtiges zu erleben? Und in welchem Grade ist es wichtig?

Oft hört man die Meinung: Für Protestanten sei es jedenfalls nicht Pflicht, am Gottesdienst teilzunehmen. Es gehöre zur Freiheit eines protestantischen „Christenmenschen“, die Häufigkeit oder Nichthäufigkeit nach eigenem Gutdünken zu bemessen. Wer so denkt, hat kein Problem mit dieser Frage. Doch sowie wir ernst nehmen, was der Beter dieses Psalms ausruft: nämlich dass Gott in diesem Haus wohnt, Gott mit der ganzen Herrlichkeit seiner Geheimnisse, so verändert sich noch einmal alles: Dann geht es überhaupt nicht darum, ob es Pflicht sei oder nicht, sondern darum, ob ich von der Gegenwart Gottes im Gottesdienst etwas für mich Konkretes erfahre. Wenn das der Fall ist, dann hat natürlich ein solcher Gottesdienst in der Tat ganz von selbst allerhöchsten Stellenwert.

In jedem christlichen Gottesdienst geschieht aber dies: dass Gott mir hier sich selbst schenken will. Wenn ich das erfahre, wie sollte ich dann anders darauf antworten als der Beter des Psalms: „Herr, ich habe lieb die Stätte Deines Hauses und den Ort, da Deine Ehre wohnt!“

Dann kommt man mit höchsten Erwartungen in dieses Haus; und die werden nicht enttäuscht. Wenn Gott mein Herz mit seiner Liebe berührt, erweckt er eine ganz wunderbare, selige Freude an ihm. Und so gewinnt der Gottesdienst ganz von allein eine so große Wichtigkeit, dass ich hingehe, wo immer ich kann. Genau das ist es, was der Psalmbeter meint: Er hat es erlebt, erlebt es immer neu und weiß: Hier steht sein Fuß auf festem Grund. Auf Gott kann er sich verlassen für immer, wie immer abgekämpft und sorgenbedrückt er aus seinem Alltag hier eintritt. Er liebt Gott, liebt ihn so innig und so dankbar, wie sonst überhaupt keinen Menschen. Es gibt tatsächlich eine Liebesgeschichte mit Gott, die viel tiefer und reifer ist als jede Liebesgeschichte unter Menschen. Bereits bei uns ist es so: Wo einer sich verliebt hat, da sieht sich für ihn oder für sie die Welt mit anderen Augen an; und der Raum, in dem man zuerst zu zweit zusammengekommen ist, bleibt für immer in der Erinnerung als ein kleines gemeinsames Paradies. Ist es nun aber Gott, den ich zu lieben begonnen habe, wird mein Herz so geradezu entflammt, dass ich tanzen könnte vor Freude an Ihm. Und so wird auch ein Kirchenraum, in dem man das zum ersten Mal erfahren hat, bleibend lieb und teuer. Was könnte ich Ihnen allen an diesem Festtag Ihres Jubiläums Besseres wünschen als diese herrliche Erfahrung, und dass die Ihnen bleibt für alle Gottesdienste der nächsten 25 Jahre!

Lassen Sie es mich aus meiner eigenen Lebensgeschichte bezeugen. Seit ich als Junge in den schrecklichen Wirrsalen der letzten Kriegstage zum ersten Mal in meinem Leben auf einmal überraschend die lebendige Stimme Jesu aus der aufgeschlagenen Bibel in mein Herz hinein habe reden hören: „In der Welt habt ihr Angst – aber seid getrost: ICH habe die Welt überwunden!“ – seitdem gehe ich mit der Stimme dieses ICH des lebendigen Gottessohnes ständig um und lasse mich „getrost“ machen; und es ist mir das Wichtigste von allem: diese Stimme immer wieder zu hören; sie ja nicht zu überhören, mein Herz täglich für sie offen und bereit zu halten. Damals musste ich danach einen wochenlangen Fußweg nach Hause finden, von Bayern bis zum Schwarzwald. In jedem Dorf, in das ich abends kam, läuteten die Glocken der Kirche zum Abendgebet. Die Türen waren geöffnet, sodass ich mich leicht getraute, mit den Dorfbewohnern einfach mit hineinzugehen: Da war auch für den fremden Jungen Platz; und hernach wurde ich im Pfarrhaus gastfrei willkommen geheißen, durfte mit essen am großen Tisch, durfte schlafen und am frühen Morgen durfte ich auch an der Messe teilnehmen – keiner fragte mich, ob ich auch katholisch sei. Man hat mir sicher angesehen, wie begeistert sozusagen in meiner ersten Liebe ich in der Reihe der Kommunikanten zum Altar hinzutrat, um die Hostie zu empfangen – dass ich „Danke“ sagte statt „Amen“, nahm mir keiner übel. Und dann ging ich mit Jesus in meinem Herzen selig davon zur nächsten Strecke meiner Wanderung. Als ich schließlich glücklich zu Hause angekommen war, unverletzt und ohne in Gefangenschaft geraten zu sein, wusste ich es: Mein eigentliches Zuhause ist der Gottesdienst mit der Stimme Jesu und mit seiner wunderbaren Einkehr in mein Innerstes. Dieses Wissen habe ich nie verloren. Gottesdienst ist auch immer so lebendig – neu, so aktuell wichtig, dass es mir nie zur bloßen Gewohnheit erstarrte. Ja, ich kann sagen: Ich freue mich auf jeden Gottesdienst, auf das Hören des Wortes Gottes an mich und auf den Empfang dieses Stückchen Brots, in dem Jesus zu mir einkehrt und mich durch die Woche hindurch begleitet; Ja, „ich habe lieb die Stätte Deines Hauses, Herr, und den Ort, da Dein Geheimnis wohnt!“

Warum ist das so? Es liegt- kurz gesagt – daran, dass Gottes Liebe wirklich ganz anderer Art ist als jede Liebe von Mensch zu Mensch. Gott ist selbst, mit seinem ureigenen, absolut heiligen ICH, ganz und gar für die da, die er liebt. Seine Liebe hat nichts Egoistisches – Gottes ICH ist eins mit seiner Liebe zu uns. Das hat sich darin erwiesen, dass Gott im Kreuzestod seines Sohnes sich selbst ganz für uns alle hingegeben hat, um uns aus all der Todeswirklichkeit herauszuretten, in die wir Menschen uns durch die Weise, wie wir leben, verstrickt haben; und um uns mit dem Auferstehungsleben Christi zu verbinden, das immer neu allen Tod in uns zunichte werden lässt. Es ist wirklich eine Erfahrung von Auferstehung aus unserer Todeswirklichkeit heraus, ein tiefes totales Neuwerden unseres ganzen inneren Lebens, das Christus uns schenkt, wenn er in uns einkehrt.

Was für eine Liebe ist das, die so stark ist, dass sie sogar den Tod in uns entmachtet und die weder selbst jemals erstirbt noch auch unsere Liebe zu ihm ersterben lässt! Und was für eine Liebe ist es, die so treu ist, dass wir uns durch all unsere Lieblosigkeiten hindurch immer neu ganz gewiss auf sie verlassen können! Die Gegenwart dieser Liebe Gottes, dieser Liebe Christi ist es, die uns den Gottesdienst zu einer Heimat werden lässt, die uns nie verloren geht. Darum: „Herr, ich habe lieb diese Stätte Deines Hauses und den Ort, da Deine Herrlichkeit wohnt!“

Amen